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Bernd Guggenheimer sagte einmal, das erst die Kunst es ermögliche, hinter der Welt des faktisch Wirklichen" die gewaltige Welt des Möglichen zu entdecken. Wo aber entsteht diese Welt des Möglichen als Antwort auf drängende soziale, ökologische und ökonomischer Fragen?

Die klassische Ökonomie sieht das Ende der ökonomischen Kette bis heute im Konsum. Für sie ist ein Produkt, welches sich gut verkaufen lässt, allein aufgrund dieser Tatsache ein gutes Produkt. Der englische Sozialreformer John Ruskin befand dies bereits Mitte des 19. Jahrhunderts als Irrglauben. Das Ende der ökonomischen Kette könne immer nur das Leben selbst sein, an dem sich Produkte und Dienstleistungen messen lassen (müssen). Nur wenn diese das Leben erhalten und erweitern, sei das entscheidende Kriterium erfüllt. Es entstand eine Maxime, die wir unserer unternehmerischen Handel(n) zugrunde legen möchten.

Damit liegt der Sinn von Produktion nicht im Entstehen von Dingen, sondern in der möglichen zweckmäßigen Verwendung. So ist der Verbrauch zwar Endzweck aller Produktivität, das Leben jedoch ist Endzweck des Verbrauchs. Letztendlich liegt hier auch eine große emazipatorische Komponente der Ökonomie, denn: Weiser Verbrauch ist eine weitaus schwierigere Kunst, als weise Produktion". (Ruskin)

Überlegungen zu diesem Thema finden sich bereits im Denken Aristoteles. Für ihn bestand die »praktische Philosophie« aus der Einheit von »ethike, politike und öikonomike«. Aristoteles sieht in der Ethik die Einheit aller Tugenden, unterscheidet dabei aber zwischen den eigentlich ethischen - Freundlichkeit, Würde, Hochherzigkeit, Großzügkeit, Mut, Bescheidenheit, Besonnenheit und vor allem Gerechtigkeit - und den dianoethischen Tugenden - Weisheit, Verstand, Klugheit
Der Gedanke einer Tugend der Gerechtigkeit im Kontext des Wirtschaftens erwächst aus jener ökonomiekritischen, ethisch begründeten Auffassung über Gerechtigkeit, die der aristotelischen Denktradition entspringt. Untrennbar verbunden mit der aristotelischen Philosophie ist die Frage nach Inhalt und Erreichbarkeit subjektiven Glücks. Es kann davon ausgegangen werden, dass Gelderwerb allein und die damit verbundene Befriedigung materieller Bedürfnisse zum Erreichen eines subjektiven Glücksgefühls nicht ausreichen. Ähnlich scheint Aristoteles empfunden zu haben, als er in der kaufmännischen Lebensform etwas Gewaltsames an sich sah. Er sah im Reichtum nur ein Mittel, um es zu anderen Zwecken zu gebrauchen.

Ein Ergebnis der marginalistischen Wende des 19. Jahrhunderts ist die Trennung der aristotelischen Einheit der Tugenden. Die dianoethischen, sprich Verstandestugenden werden aus dem Gesamtkontext herausgelöst und so ihres ethischen Gehalts entledigt. Ursache für die Aufgabe der genuinen Intention der aristotelischen Tugenden ist die Betonung der Willensautonomie des Subjekts, als philosophische Grundlage dessen, was wir Freiheit nennen. Die Gefährdung der Lebensgrundlagen des Menschen durch ökologischen Raubbau und soziale Verwerfungen lässt die subjektive Willensbildung jedoch in einem neuen Licht erscheinen: Entscheidend ist dabei nicht die vernünftige Willens-bildung, sondern die Entwicklung eines Kontextes vernünftiger Willens-bindung durch den vernünftigen Willen selbst. Erst diese autonome Selbstbindung des Willens lässt die Konstruktion vernünftiger Normen zu.

Nicht autonome subjektive Haltungen führen zum Erfolg, sondern die Einbindung der eigenen Handlungen in ein System vernünftiger und lebenserhaltender Normen. Damit wäre die Einheit der aristotelischen Tugenden wieder hergestellt.

Von Ruskins Ideen inspiriert entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunders in England eine unternehmerische Bewegung, der eine Vielzahl Künstler und Kunsthandwerker angehörten. Das Spektrum reichte von konservativen bis zu sozialistischen Ideen und einte in der Überzeugung, schöne und sinnvolle Dinge in der Umgebung der Menschen - Gebäude, Möbel, Keramik, Stoffe, etc. - unter menschenwürdigen Bedingung hergestellt, könnten in der Gesellschaft strukturelle Veränderungen für Produzenten und Verbraucher herbeiführen. Da die Arts & Crafts-Bewegung in der Phase ihrer Entstehung primär soziale und erst danach, organisch verbunden, künstlerisch-ästhetische Ziele verfolgte, stand sie bestimmten Mechanismen des Kapitalismus immer wieder skeptisch gegenüber. Es herrschte die Meinung, die Produktion überflüssiger Dinge gehe, solange Menschen nicht ausreichend gekleidet sind, zu Essen und ein Dach über dem Kopf haben, auf Kosten der Produktion lebensnotwendiger Dinge. Entscheidenden Einfluss auf die Entstehung von Arts & Crafts hatte neben Persönlichkeiten wie John Ruskin und Robert Carlyle der Engländer William Morris. Für ihn war menschenwürdige Arbeit, die sich an tatsächlichen Bedürfnissen orientiert, wichtiges Kriterium der Produktion. Nur durch sie geht für Morris die Kunst in die hergestellten Dinge ein und wird so in den Alltag der Menschen zurückgeholt. Die Verselbständigung der Kunst wird aufgehoben und sie kann wieder aktiv zur Herausbildung und Veränderung gesellschaftlicher Strukturen beitragen.

»Unser Thema ist die Gesamtheit der Kunst, mittels derer Menschen zu allen Zeiten versucht haben, die Dinge des täglichen Lebens zu verschönern.«

Ein weiterer wichtiger Vertreter von Arts & Crafts war Charles Robert Ashbee. Die Prinzipien von Arts & Crafts beschrieb Ashbee 1908 so:
»Durch ihren Kontakt mit den Realitäten des Lebens gewinnt die Arts & Crafts-Bewegung allerhöchste ethische Bedeutung. Sie berührt Hersteller und Verbraucher gleichermaßen, und so berührt sie jeden von uns. Sie bringt ... jene Seele, jenen Erfindungsgeist in die moderne Industrie, die unserer Zivilisation so sehr fehlt. Sie erinnert uns daran, dass erfundene Dinge wahre Dinge sind.«

In Amerika machte die Bewegung nach der Weltausstellung 1878 auf sich aufmerksam. Während sich ästhetische und soziale Ideale bereits in der Tradition der Shaker fanden, half die Fortsetzung dieser Tradition in der amerikanischen Arts & Crafts-Bewegung auch bei der Suche nach einer eigenen kulturellen Identität. Einer der gerade die sozialen Ansätze von Arts & Crafts erkannte war der Architekt Frank Lloyd Wright. Er befasste sich wie auch Gustav Stickley und Greene and Greene unter Einbeziehung industrieller Fertigungsmethoden mit Problemen von Design, Produktion, Verteilung und Konsum, um einer breiten Bevölkerungsschicht hochwertige und preisgünstige Waren zur Verfügung zu stellen.

Einer der wenigen Engländer, die versuchten die rasante industrielle Entwicklung zu berücksichtigten war der Architekt William Richard Lethaby (1857 - 1931). Lethaby arbeitete in der Design and Industries Association, einer Vereinigung von KÜNSTLERN, DESIGNERN, PRODUZENTEN, LEHRERN UND VERBRAUCHERN. Er verlangte tadellose Herstellung bei gutem Design unter Einbeziehung der wachsenden industriellen Möglichkeiten.

Arts & Crafts erreichte auf verschiedenen Wegen das europäische Festland. Ashbees Ideen beeinflussten Architekten in Deutschland und Österreich; Arbeiten der Guild and School of Handicraft wurden in Berlin und Wien gezeigt.

1907 bekam Hermann Muthesius den Lehrstuhl für angewandte Kunst an der Kunstgewerbeschule Berlin. Seine Vorstellungen gingen in den von Mitgliedern der Wiener Werkstätten gegründeten Deutschen Werkbund ein. Die letzte bedeutende Phase von Arts & Crafts entwickelte sich im deutschen Bauhaus. Walter Gropius seit 1912 Mitglied des Werkbundes, vereinigte 1919 in Weimar die Großherzogliche Hochschule für Bildende Kunst und die Großherzogliche Kunstgewerbeschule zum Bauhaus. Künstler und Handwerker sollten gemeinsam den Bau der Zukunft errichten, dabei Künstler und Volk zusammenbringen. Nach dem Umzug ins politisch aufgeschlossenere Dessau wurden am Bauhaus zunehmend soziale Theorien in die Arbeit einbezogen. 1928 übernahm Hannes Mayer Gropius` Nachfolge in der Leitung des Bauhauses. Der linksorientierte Mayer zeigte gerade für Morris soziale Ideen besonderes Interesse. Im gelang es, Studenten für kollektive Unternehmungen in Verbindung mit gesellschaftlichem Engagement zu motivieren; sein durch konservative Kräfte beschleunigter Weggang bedeutete aber das Ende der Arts & Crafts-Bewegung in Deutschland.

Alle Vertreter von Arts & Crafts einte der Wunsch nützliche Dinge für ein breites Publikum zu schaffen unter Einbeziehung aller an einem solchen Prozess Beteiligten. Sie setzten damit soziale, kulturelle, ökonomische und nicht zuletzt politische Zeichen.

In unserer Kultur werden Künstler und Unternehmer in der Regel als Gegensätze gesehen. Danach kreiert der Künstler seinen eigenen Stil, folgt seinen Visionen, der Unternehmer hingegen ist Vertreter des ökonomischen Kalküls, dem es in erster Linie darum geht, Gewinne zu erzielen. Ein solcher Unternehmer ist im Grunde mehr ein Verwalter, wie der englische Begriff buisiness administration auch deutlich macht.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass sich für den Begriff Entrepreneurship in der deutschen Sprache keine Entsprechung findet. Im Gegensatz zum klassisch verstandenen Unternehmertum und Management betont Entrepreneurship die originäre Idee, den Anfang und das Risiko.
Der Entrepreneur verwirklicht Ideen zur Verbesserung der Lebensqualität, bietet sinnvolle Dienstleistungen oder bessere Produkte an. Damit gemeint sind auch Unternehmer, die nicht ständig neue Bedürfnisse herauskitzeln, sondern auf vorhandene Probleme und Bedürfnisse mit sozialer und ökonomischer Phantasie antworten. Gesucht werden Querdenker, Künstler und Entrepreneure, die neue Horizonte erschließen: Entrepreneurship als schöpferische Tätigkeit, der Entrepreneur als Künstler.

Für eine solche Herangehensweise ist das Studium der Ökonomie nicht nur nicht erforderlich, sondern verhindert zumeist die schöpferische Entwicklung einer ökonomischen Idee. In ihrem Buch Body & Mind schreibt Anita Roddick von The Body Shop: Wissen ist nicht das Geheimnis, Geld auch nicht. Was man braucht ist Optimismus, Menschlichkeit, Begeisterungsfähigkeit, Intuition, Neugier, Liebe, Humor, einen Sinn für Freude, Magie, Spaß - und eine Prise von dem Zaubermittel Euphorie. Keines von diesen Dingen steht auf dem Lehrplan der Wirtschaftsakademien."

Wir wünschen uns für die Zukunft mehr Unternehmer von denen man eines Tages sagen kann:
... ihre Tätigkeit war Kunst, und ihre Spur ist Schönheit."

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